Samstag, 18 Mai 2013      
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Bericht und Impressionen über das Festival der Kulturen in Murmansk 2005
Murmansk und Halle/Saale sind keine Partnerstädte. Doch auch ohne diese offizielle Bande wurden in den letzten Jahren zahlreiche Kontakte zwischen der Saale-Metropole und der weltweit größten Stadt nördlich des Polarkreises geknüpft.

Den Stein ins Rollen brachte Siegmar Buchwald, der Leiter des Humanistischen Regionalverbandes Halle-Saalkreis, der vor nunmehr 10 Jahren mit seinem Wartburg-Tourist gen Norden aufbrach und schließlich in Murmansk Anker warf. Seitdem ist viel passiert. In verschiedenen Projekten lernten deutsche Jugendliche Murmansk und  damit ein Stück Russland kennen und umgekehrt waren schon häufig Murmansker Studenten zu Gast in Sachsen-Anhalt und dessen Kulturhauptstadt Halle. Meistens arbeiteten sie hier in Ferienjobs und erfuhren natürlich auch deutsche Kultur und Lebensart. Den bisherigen Höhepunkt dieser vielfältigen Beziehungen bildete das letztjährige Rockmusik- und Theaterfestival „Dialog der Kulturen“, das ebenfalls im März in Murmansk stattfand. Dieses Jahr nun gab es die Fortsetzung des Dialogs in Form eines „Film- und Foto-Festivals“. Geldgeber waren wiederholt die Rosa-Luxemburg-Stiftung, repräsentiert durch Werner Linke, den Leiter des Moskauer Regionalbüros, sowie die Robert-Bosch-Stiftung. Ihr sowie den vielen, meist ehrenamtlichen Helfern auf russischer Seite, ganz besonders jedoch Natascha Stepakowa gebührt unser aller Dank. Ganz besonderer Dank kommt auch Herrn Siegmar Buchwald zu, der auf deutscher Seite die Strippen zog und mit seinen Ideen und seiner langjährigen Erfahrung in der Organisation großer kultureller Veranstaltungen Mitinitiator des Festivals war.

Ohne sie alle hätte das Festival nicht stattgefunden und darum nochmals spassiwo bolschoi – vielen Dank!        

 

Teilnehmer auf deutscher Seite waren diesmal acht junge Filmemacher aus Sachsen-Anhalt und Thüringen, oft Preisträger, die an verschiedenen Hochschulen studieren bzw. ihren Abschluss machen. Weiter waren acht Studenten einer Fotoklasse der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) mit ihrem Lehrer, Professor Helfried Strauß, vertreten. Unseren Tross komplettierten noch als Fachkräfte Matthias Schmidt, ein Mitarbeiter des Medienkompetenzzentrums der Medienanstalt Sachsen-Anhalt, sowie meine Person als Berichterstatter und Redakteur von Radio Corax, dem nichtkommerziellen Stadtsender von Halle/Saale.

 

Erster Tag

Der größte Teil unserer Teilnehmer trifft sich schon auf dem halleschen Hauptbahnhof und lernt sich auf der Fahrt nach Wittenberg kurz kennen. Ab Wittenberg geht es mit der Regionalbahn weiter und als wir mit unserem vielen Gepäck das Großabteil entern, verfluchen wir die verdammte Enge und den Liliputaner, der dieses perfide Puppenreich ausgetüftelt hat. „Macht nichts -“, denkt man sich,  „im Flieger wird´s nachher noch enger“, und so kommen wir in Berlin-Schönefeld an. Dort stoßen die letzten Murmansk-Mitreisenden zu uns, und ich bin froh, die restlichen „Steckbriefe“ loszuwerden – zum besseren Kennenlernen hatte mir Siegmar Buchwald A4-Bögen mit den eingescannten Passfotos aller Teilnehmer in die Hand gedrückt.

Der Zeitplan ist straff und pünktlich: Gegen 9.45 Uhr heben wir mit einer A 319 der größten russischen Fluggesellschaft „Aeroflot“ Richtung Moskau ab. Inklusive zwei Stunden Zeitverschiebung landen wir gegen 14.25 Uhr in Tscheremetjewo 2, neben Domodedowo im Südosten der Megacity der andere internationale Moskauer Airport, der erst 1980 nach dem Vorbild des Flughafens Hannover aus Anlass der Olympischen Spiele eingeweiht wurde. Das Auschecken zieht sich etwas in die Länge, aber wir haben Zeit en masse – der Weiterflug ist erst gegen 19.45 Uhr. Schließlich haben wir das Auschecken und die Passkontrolle hinter uns und werden mit einem Shuttlebus nach Tscheremetjewo 1, dem nationalen Terminal, gekarrt. Jetzt heißt es warten und ich setze mich zu Matthias, von der Medienanstalt Sachsen-Anhalt, und Katja und Tobias, den beiden Filmern von der Hochschule Merseburg, an den Tisch. Wir können ganz zufrieden sein, alle haben in der gut gefüllten Wartehalle einen Tisch ergattert und das erste Bier, noch zum stolzen Preis von 99,- Rubeln (1,- Euro = etwa 35,5 Rubel), wird geholt. Bald unterhalten wir uns angeregt und Runde folgt auf Runde. Langsam rückt der Stundenzeiger vorwärts – doch dann eine Hiobsbotschaft: Murmansk ist von der Anzeigetafel genommen worden und offensichtlich unbestimmt verschoben. Das stellt natürlich die erste Party, die laut Plan noch für diesen Abend angekündigt ist, in Frage. Was soll´s, wir ziehen die Party einfach vor, vertreiben uns die Zeit und unterhalten uns. Dann, nach Stunden, die Erlösung. Unser Reiseziel tauscht wieder auf den Monitoren auf und wir checken ein. Die nächste Halle gleicht einem Ameisenhaufen und ein Vielvölkergemisch aus ehemaligen Sowjetrepubliken umgibt uns. Hinten an den Toiletten wird, obwohl verboten, wie selbstverständlich geraucht. Wir stellen uns dazu und genehmigen uns ein letztes Bier vor dem Abflug. Dann irgendwann ist es soweit: Statt, wie vorgesehen, um 19.45 Uhr steigen wir um 0.04 Uhr und nach insgesamt neuneinhalb Stunden Wartezeit in den Moskauer Nachthimmel auf. Ich habe mich frech ganz nach hinten neben eine Tür gesetzt und diesmal entsprechend enorme Beinfreiheit. Normalerweise kosten diese Plätze wohl etwas extra, doch als die Stewardess das erste Mal vorbeikommt, darf ich sitzen bleiben. Es scheint sie nicht zu interessieren. Ein kurzer Blick nach vorn offenbart den Grund: Die vielleicht 110-120 Plätze der Economy-Class sind auch mit uns zwanzig Leuten nur knapp zur Hälfte besetzt. Das erscheint ziemlich unrentabel, aber es handelt sich ja auch um einen Linienflug und wird nicht immer so sein. Zumindest retour Murmansk- Moskau sieben Tage später ist der Flieger besser ausgelastet.           

Endlich ist auch dieser Streckenabschnitt bewältigt und die Tupolew setzt sicher auf der Landebahn auf. Murmansk empfängt uns mit klarem Nachthimmel. Doch schon als wir nach relativ kurzer Zeit das Flughafengebäude wieder verlassen, tanzt uns ein dichter Flockenwirbel um die Nasen. Wir besteigen unseren Bus, der uns zu unserem Hotel bringt und schauen in eine zugeschneite Landschaft. Nach ca. 40 Minuten Fahrt sind wir endlich am Hotel angekommen. Der Flockenwirbel hat sich mittlerweile zu einem heftigen Schneetreiben gemausert und wir machen, dass wir in die Lobby kommen. Um 3.15 Uhr bringen wir noch mal richtig Leben in die Bude und bevölkern die Rezeption. Bude ist in diesem Fall völlig untertrieben: das „Arktika“, in dem wir logieren werden, ist das größte und vermutlich auch das exklusivste Hotel in Murmansk. Das beste Haus am Platze ist dabei auch zentral gelegen - der 16-stöckige dreiflügelige Klotz steht am „Platz der Fünf Ecken“ – dem Herzen von Murmansk.

Tobias und ich wollen´s ein paar Tage gemeinsam aushalten und teilen uns ein Zimmer. Als wir unseren Raum betreten, stellt sich kurz Ernüchterung ein. Die Auslegware lässt an manchen Stellen den Fußboden durchscheinen und wurde anscheinend mit einem Gemisch von Rotwein und Kerzenwachs getränkt. Partyspuren eben. Auch die Einrichtung hat schon bessere Tage gesehen, aber sonst ist alles sauber, wir haben ein ordentliches Bett und im Bad steht eine Wanne. Im TV empfängt man ein Dutzend russische sowie internationale Sender, und als Kühlschrank dient der Zwischenraum der unabdingbaren Doppelfenster. Natürlich gibt es für „bessere“ bzw. zahlungskräftigere Gäste auch komfortable Appartements, die internationalem Standard entsprechen. Diese werden von der Etagen-Empfangsdame für Telefonate aufgeschlossen. Apropos telefonieren, hierbei sind ein paar Vorwahlen zu beachten: 8 (Rauswahl aus der Region Murmansk), 10 (Rauswahl aus Russland), 49 (Vorwahl für Deutschland), 345 (Vorwahl Halle), dann die eigentliche Nummer. Kommt man in Verlegenheit per Karte die öffentlichen Fernsprecher zu nutzen, ist unbedingt die Otwet (Antwort)-Taste zu drücken, sonst hört einen der Angerufene nicht und man versteht bloß ihn. Aber auch mit dem Handy ist telefonieren problemlos möglich (0049 / 345 / …).  

Mittlerweile sind wir etwas über den Schlaf, und nach einiger Zeit folge ich Tobias in die Nachtbar, die sich in der 16. Etage befindet. Auch Matthias und Professor Strauß, der sich jedoch bald verabschiedet, sitzen schon hier beim Bier. Dieses ist zu meinem größten Bedauern kein russisches Pivo. Damit kann die Nachtbar leider nicht aufwarten. Ich nehme ein belgisches Stella Artois, das ich auch in Deutschland bekommen könnte und lasse meinen Blick schweifen. Die Aussicht ist in der Tat umwerfend: Murmansk ist in ein Lichtermeer getaucht, dagegen ist Halle ein dunkles Kuhkaff. Aber Energie haben sie hier durch ein nahe gelegenes Atomkraftwerk zur Genüge. Nachdem Professor Strauß gegangen ist, kommt ein Animiermädchen angeschlendert und nimmt im freigewordenen Sessel Platz. Matthias und ich bleiben höflich-reserviert und nur Tobi lässt sich taktvoll zu ein wenig Smalltalk mit der Murmansker Schönheit hinreißen. Schließlich gibt sie resigniert auf und verlässt uns. Wir nehmen noch einen Absacker – wie spät mag es eigentlich sein? – und zurück im Zimmer fallen wir endlich in einen kurzen, aber tiefen Schlaf.

 

Zweiter Tag

Nach einem kurzen Frühstück mache ich mich auf den Weg zum „Kirow-Palast“, den ersten Kulturpalast der Stadt, ebenfalls zentral gelegen und nur ca. 5 Minuten vom Hotel entfernt. Hier herrscht schon emsiges Treiben und ich nehme mir Zeit, die bereits hängenden russischen Fotos zu betrachten. Diese sind sämtlich gerahmt und an den Wänden der Vorhalle und im Saal angebracht. Der größte Teil dieser Fotos gefällt mir und spricht mich an. Immerhin wurden sie ja auch für eine Ausstellung ausgesucht. Ich bin neugierig auf die deutschen Fotos und schaue unseren Leuten über die Schulter. Es scheint Schwierigkeiten zu geben bzw. werden die Bedingungen bemängelt: An Wänden ist wenig Platz, als Alternative dienen Stellwände, die teilweise mit brauner Sackleinwand überzogen sind, die Lichtverhältnisse sind ungünstig und es sind nicht genügend Rahmen vorhanden. Hier sind jetzt die gut dran, die wie empfohlen eigene Rahmen mitgebracht haben. Wer großformatige Fotos (etwa A2) hängt, hat sich auf der Reise natürlich nicht mit Rahmen abgemüht, sondern transportiert seine Kunstwerke gerollt. Es herrscht eine betriebsame Atmosphäre: wo und wie hänge ich unter künstlerischem Gesichtspunkt meine Fotos am besten auf? Ein paar junge russische Studentinnen helfen emsig mit und mein Blick bleibt erst mal an einer blonden, miniberockten und mit hochhackigen Stiefeln umherschreitenden Grazie kleben, die sich, wie oft üblich in Russland, auch viel Farbe ins Gesicht gemalt hat.

Ab und zu ertönt des Professors energische Stimme, der auf deutsch und russisch seine Anweisungen erteilt. Aber er ist nicht nur der einsame Befehlsgeber, seine Studenten diskutieren auch offen und kritisch mit ihm bzw. untereinander. Künstlerische und logistische Ansichten prallen an diesem Vormittag häufiger aufeinander. Was wohl unsere Filmleute machen?

Eine alte Omi im Putzkittel erscheint auf der Bildfläche, beäugt die ganze Szenerie und mustert schließlich völlig verständnislos die noch leere, mit brauner Sackleinwand bespannte Ziehharmonika. Dann schlurft sie wieder davon.

Plötzlich überkommt mich ein menschliches Bedürfnis. Doch oje! Dass in beiden Kabinen die Klobrillen fehlen, ist nichts Ungewöhnliches in Russland. Man hockt sich angeblich einfach auf die Keramik, was Zentraleuropäer sicher befremdlich finden. Doch auch  Papier ist keins vorhanden. Das geht so natürlich nicht. Vertrauensvoll wende ich mich an Natascha, unsere russische Organisatorin und Dolmetscherin, die mit Vlad, einem russischen Studenten und Aussteller (das Festivalplakat stammt von ihm) und einem Offiziellen des „Kirow“-Palastes beisammensteht. Meine Frage um etwas Toilettenpapier löst bei allen Dreien unerwartete Heiterkeit aus (warum nur?), und auch ich muss meinerseits über ihre Reaktion lachen. Meiner Bitte wird jedoch entsprochen, der Offizielle schließt eine Vorratskammer auf und händigt mir das Gewünschte aus. Derart gewarnt sorgt der kluge Mann vor und ich bevorrate mich natürlich gleich mit einer großzügigen Notration. Warum toilettentechnische Standards in Russland so tief gehängt sind, wird für mich immer ein Mysterium dieses großen Landes bleiben. Welche Gegensätze: Dieses Riesenreich, das den ersten Menschen ins Weltall schoss und nach wie vor ingenieurtechnische Meisterleistungen vollbringt, kommt über einen besseren Donnerbalken nicht hinaus!

Mittlerweile hängen auch die meisten deutschen Fotos, und auch hier gefallen mir die meisten, wenn auch nicht alle. Mit dem Medium Fotografie habe ich mich noch nie ernsthaft auseinandergesetzt, doch ich ahne: Knipsen ist nicht Fotografieren. Mir als Laien fallen keine großen künstlerischen Unterschiede zwischen den russischen und deutschen Ausstellungsobjekten auf, und jetzt, wo so gut wie alles hängt, können die Besucher kommen!

Ich mache mich auf einen Spaziergang in die City. Nach einer Weile meldet sich der Hunger, und da die Zeit fast heran ist, steuere ich gespannt die Bar des „Kirow“-Palastes an. Hier werden wir die nächsten Tage zu Mittag und Abend essen. Die Film- und Fotoleute treffen sich nun wieder und zügig wird das Essen serviert: Salat, Vorsuppe, Hauptgang. Mir schmeckt´s, den anderen offenbar auch, es bleiben jedenfalls kein Teller voll. Das kann jedoch auch daran liegen, dass für meine Begriffe die Portionen etwas klein bemessen sind. Ein Bergmann oder Schwellenleger würde hier definitiv am Hungertuche nagen.

Nach der Mahlzeit geht´s zurück zum Hotel. Dort werden wir von einem Bus abgeholt, der uns auf einer Sightseeingtour zu den Sehenswürdigkeiten von Murmansk bringt (Schilderungen der letztjährigen Bustour siehe auch in meinen Bericht über das Festival 2004 unter www.interaudio.org). Alle sind schon sehr gespannt und da wir noch auf ein paar Fotoleute warten, die letzte abschließende Arbeiten in der Ausstellung verrichten, geht es schließlich mit einer Viertelstunde Verspätung los. Ein Dank hierbei an die Murmansker Verkehrsbetriebe: Unser Bus wird sonst im Linienverkehr nach Kirkenes/Norwegen eingesetzt, das in 220 km Entfernung an der norwegisch-russischen Grenze liegt. Auch im Straßenbild sind hin und wieder Autos mit norwegischem Kennzeichen zu sehen. Großer Dank auch an Frau Galina Michailowa, die uns sympathisch und kenntnisreich ihre Heimatstadt, die 2006 ihr 100-jähriges Jubiläum feiert, nahe brachte:

1914 wurde zuerst mit dem Bau des Handelshafens begonnen. Russland war zu dieser Zeit – der erste Weltkrieg hatte begonnen – fast vom Schwarzen Meer abgeschnitten und die Ostsee konnte im Gegensatz zu Murmansk, obwohl 450 km nördlich des Polarkreises gelegen, keine Eisfreiheit garantieren (der Golfstrom reicht bis hierher und sorgt für ein für diese Breitengrade relativ mildes Klima und Eisfreiheit der Kolabucht). Der letzte der altrussischen Herrscher, Zar Romanow, erinnerte sich jedoch an diese Gegend und begann den Bau. Gleichzeitig wird innerhalb eines Jahres eine Eisenbahnlinie aus dem Boden gestampft. Sie ist 1000 Kilometer lang und wird von zwei Seiten aus gebaut. Südliches Ende ist Petrosawodsk, am Westufer des Onega-Sees gelegen, Hauptstadt Kareliens mit Sitz einer Uni. Anfangs verkehrt nur zweimal wöchentlich ein Zug. Murmansk ist einfach zu abgeschieden, aber die logistische Herausforderung ist geschafft. Im Frühjahr 1918 beginnt eine Intervention durch Engländer, Franzosen und Amerikaner, der viele Menschen, auch Zivilisten zum Opfer fallen. Die Besatzer halten es aber, bedingt durch das raue Klima, nur ein Jahr aus und streichen dann die Segel. Das Klima macht den Murmanskern auch heute noch zu schaffen, man sieht es z.B. den Häusern an. Und obwohl letzten Sommer einen Monat lang die Sonne schien und es bis zu 30 Grad Celsius warm war, kann das für die lange, dunkle Zeit des Winters nur wenig entschädigen.

1989 zählte Murmansk noch 470.000 Einwohner, durch das Klima, wenig Arbeit und eine höhere Sterbe- als Geburtenrate hat Murmansk 2005 jedoch nur noch 337.000 Einwohner. Aber das ist ja bei uns auch nicht anders, wenn auch das Klima keine Rolle spielt.

Wir fahren zuerst in den nördlichen Stadtteil. Außer diesem gibt es dann noch den mittleren bzw. das Zentrum der Stadt mit dem „Berg der Dummköpfe“, so benannt wegen architektonischer Sünden und der Planer, die diese zu verantworten haben, sowie den südlichen Bezirk.       

Im Norden von Murmansk steht weithin sichtbar auf einer Anhöhe das Heldendenkmal: ein monumentaler Soldat aus Stahlbeton, von der Bevölkerung etwas respektlos „Aljoscha“ genannt. Murmansk war im zweiten Weltkrieg stark umkämpft. Nach starkem Beschuss von der Seeseite aus, der 1941 die Stadt zu zwei Dritteln dem Erdboden gleichmachte, setzte ein zermürbender Grabenkrieg ein. Murmansk wurde in Würdigung seiner Standhaftigkeit als letzte von 13 Städten in der ehemaligen Sowjetunion zur Heldenstadt erklärt. Aljoscha schließlich wurde aus Spenden von Lenin-Pionieren gebaut und 1977 eingeweiht. Er ist 40 Meter hoch und im Innern durch eine Treppe zwecks Wartungsarbeiten begehbar. Fast alle steigen aus und schießen vor dieser gewaltigen Kulisse und dem Ewigen Feuer Erinnerungsfotos. Im Schneetreiben sind ein paar Blumengebinde und Kränze zu erkennen. Es ist ziemlich kalt und ein scharfer Wind weht. Plötzlich ist lautes Hupen zu hören. Drei mit Luftballons geschmückte Autos kommen zum Aljoscha gefahren. In einem sitzt ein Brautpaar. Früher war es für Frischvermählte mehr oder weniger Pflicht, einen Abstecher hierher zu unternehmen, werden wir aufgeklärt. Heute aber, nachdem sich auch hier die Verhältnisse geändert haben, geschieht das ohne Zwang und ist für viele ein Bedürfnis.

Nächste Station ist eine als Leuchtturm gestaltete Kapelle zur Erinnerung an verunglückte und gefallene Matrosen. Im Rund liegen Bücher mit Namenslisten der Gestorbenen aus und in einer Fensternische in drei bis vier Meter Höhe steht eine Stereoanlage, die in einer Endlosschleife mit Meeresrauschen dem Ort der Besinnung noch akustisch Atmosphäre verleiht. Ein Buch zieht besondere Aufmerksamkeit auf sich – es listet die Opfer des Untergangs der „Kursk“ im Jahr 2000 auf. Aber wir müssen wieder weiter und lauschen erneut Frau Michailowa.           

Nach dem Krieg gab es offenbar eine Prioritätsliste. Demnach wurden 25 Städte zuerst wieder aufgebaut, davon allein 16 im Murmansker Gebiet. Dieses ist 145.000 qm groß (zum Vergleich: die ehemalige DDR umfasste 108.000 qm) und Lebensraum für weniger als eine Million Menschen. In Murmansk sind 20 Konfessionen vertreten, wovon die russisch-orthodoxe Kirche die meisten Anhänger hat. Diese gläubige Vielfalt schlägt sich in 27 Kirchenbauten und einem Kloster für Mönche nieder. Gottesdienste werden auf altrussisch gehalten, an denen Frauen selbstverständlich teilnehmen können, jedoch nur mit Kopftuch und ungeschminkt.

Das Klima ist, wie gesagt, rau, und das Wetter kann durch die Meernähe blitzartig umschlagen. Vielleicht gibt es auch deshalb ein Alkoholproblem – in Russland sterben jährlich 35.000 Menschen an schlechtem Alkohol. Der Frühling wird hier im Gegensatz zu unseren Breiten nicht erwartet und besungen, sondern ist sehr kurz und wird uns als schmutzig geschildert. Dafür lebt im Sommer, der schön ist, aber leider ebenfalls nicht lange dauert, alles auf. Knapp zwei Monate gibt es Mitternachtssonne, im Gegenzug ebenso lang im Winter völlige Dunkelheit. In Murmansk gibt es einen alten Witz, der eigentlich mehr in Richtung schwarzer Humor geht: Zwei Leute treffen sich. Einer war im Urlaub, der andere blieb zu Hause. Der Urlauber fragt den Daheimgebliebenen, ob es einen Sommer gab. Antwort: Ja, einen Tag, aber da wäre er gerade arbeiten gewesen. 

Wir fahren etwas an der Peripherie der Stadt entlang und Frau Michailowa weist auf ein paar Garagenkomplexe an den Hügeln in der Ferne hin. Diese scheinen eine ganz interessante Einrichtung zu sein. Insgesamt soll es davon in Murmansk über 225 geben! Viele Areale liegen nebeneinander und bieten unzähligen Garagen Platz, die teils sogar zweistöckig angelegt sind – quasi ganze Garagenstädte. An manchen Türen finden sich Schilder mit der Bitte, keinen Schnee wegzuräumen, der als natürliche Einbruchsicherung ruhig liegen bleiben soll.  Eine herrliche Parallelwelt: ganze Garagenparadiese voller glücklicher Familienväter, die hier in Ruhe an ihrem Wolga oder Shiguli schrauben – was kann es Schöneres geben? Nanu, kann es sein, dass in Frau Michailowas Stimme etwas Missbilligendes mitschwingt? Sollte ihr Mann sich etwa zu oft in sein Refugium zurückziehen? Kaum zu glauben, so sympathisch, wie sie da vor uns steht!

Sie erzählt von der alten/neuen russischen Nationalfahne, deren Farben weiß, blau, rot für Reinheit, Erhabenheit und Herrlichkeit stehen, und möchte von uns gern wissen, was es mit der deutschen Fahne auf sich hat. Doch Fehlanzeige. Obwohl wir keine linken Deutschlandhasser sind, hat von uns keiner einen blassen Schimmer. Ich weiss nur, dass sie im Zuge der 48/49er Revolution auf der Wartburg gehisst wurde und immer von demokratisch gesinnten Studentenbünden mitgeführt wurde. Den genauen Ursprung aber kenne ich nicht und halte den Mund. So wird es auch den anderen gehen. Aber ich habe nachgeschaut und liefere die Information gern nach, denn wer weiß, Frau Michailowa mit ihren hervorragenden Deutschkenntnissen wird diesen Bericht vielleicht auch lesen. Also: Die Farben entstanden bereits 1813 während der napoleonischen Befreiungskriege. Die Uniformen der Freikorps waren demnach schwarz, mit goldenen Knöpfen und roter Stickerei. Die Farben des Banners wurden davon abgeleitet und dann in Burschenschaften verwendet, in denen auch die Demokratiebewegung entstand. Künftig war die Nationalfahne immer schwarz, rot, golden, wenn eine demokratische Regierung an der Macht war.

Unsere Bustour ist fast zu Ende, und Frau Michailowa liefert noch schnell ein paar Zahlen und Fakten: Murmansk hat drei natürliche und eine künstliche Terrasse. Die zentrale Straße ist die Leninstraße, an der auch unser Hotel liegt und wo die meisten Trolleybuslinien verlaufen.

Murmansk hat heute zwei Häfen – den Fischerei- und den Handelshafen. Beide dürfen jedoch von Unbefugten nicht betreten werden. Der Heimat- und streng gesicherte Militärhafen der vielgerühmten U-Bootflotte ist übrigens etwas weiter nördlich in Seweromorsk und für Ausländer natürlich völlig tabu.

Vor der Perestroika gab es acht Kinos, heute nur noch drei, vor dem zweiten Weltkrieg 14 Schulen, heute 57. Sie erklärt noch kurz den Ursprung der kyrillischen Schrift, die im neunten Jahrhundert von den beiden Mönchen Kyrill und Method entwickelt wurde. In Murmansk steht ein Denkmal dieser beiden Gelehrten, das die Stadt von Bulgarien geschenkt bekam. Das Original steht in Sofia, die erste Kopie in Rom, die zweite hier. Damit sind wir am Ziel, Applaus für Frau Michailowa und ihre interessante Führung.

Nach dem Abendessen bleiben wir gleich im „Kirow“-Palast. Dort findet im großen Saal in der ersten Etage der Abend zum Kennenlernen mit den russischen Teilnehmern des Festivals statt. Die Tische sind mit Obst, Knabberzeug und Getränken gedeckt und etliche Teilnehmer sitzen schon erwartungsvoll auf ihren Plätzen. Anna, die schon im letzten Jahr die Eröffnungsveranstaltung moderierte, greift zum Mikrofon, um alle herzlich zu begrüßen. Natascha sagt mir, dass unten Masha auf mich wartet. Masha, die Journalistik studiert, habe ich schon letztes Jahr kennen gelernt und ich gehe runter, um sie zu begrüßen.

Mashas Artikel über das Festival standen schon letztes Jahr in der Zeitung und auch dieses Jahr wird sie wieder davon berichten. Sie ist eine geübte Beobachterin und recht erfolgreich mit ihren Reportagen. Ich sage ihr, dass wir oben sind und gehe erst mal hoch. Dort ist die Veranstaltung bereits in vollem Gange. Es wird eine Art Ringelreihen aufgeführt, bei dem man sich unweigerlich näher kommt. Das kommt nach anfänglichem Zögern immer mehr an und die Stimmung steigt langsam. Ein weiterer Teil ist die kurze schauspielerische Darstellung eines Romans geplant. Dazu wird eine Gruppe von jeweils sechs russischen und sechs deutschen Teilnehmern auf´s Parkett gebeten. Die deutsche Gruppe bekommt mit Lew Tolstois Krieg und Frieden eine lösbare Aufgabe zugewiesen. Es klappt auch ganz gut und unser Stück wird schnell erraten. Wir haben uns eine Zigarette verdient, und Katja, Matthias und ich gehen nach unten vor die Tür. Unterdessen hat Siegmar ein paar Meter weiter ein Raucherzimmer entdeckt. Weil auch viele Kinder den Kirow-Palast besuchen, ist normalerweise im gesamten Gebäude das Rauchen verboten, und dankbar über Siegmars gute Nase steuern wir das nächstemal den Ort des Lasters an. Doch was ist das? Ich glaube in eine Art Vorhölle geraten zu sein: Der kleine, fensterlose Raum ist völlig überheizt und eigentlich braucht man gar nicht rauchen, der „Hecht“ ist schier unglaublich. Eine Opiumhöhle ist ein Sauerstoffzelt dagegen.                 

Wenig später jedoch lässt irgendwer die Tür sperrangelweit offen stehen und der Raum wird nun häufger frequentiert. Die Veranstaltung ist mittlerweile zu Ende und zwanglos sitzt man beieinander, tauscht Adressen oder unterhält sich. Katja, Tobi, Matthias und ich treffen unten in der Bar Masha, ihren Freund Shenja und Dasha, ihre Freundin und ebenfalls Journalistikstudentin. Wir trinken noch ein Bier und schwenken dann auf Privatparty um. Außer Matthias, der das mit Recht später bereut, pilgern alle zu Mashas Wohnung, die erfreulicherweise keine 10 Minuten vom „Kirow“ entfernt ist. Shenja und Katja gehen allein weiter und holen die Getränke. Nach einer Viertelstunde kommen die Bierholer zurück. Shenja war in Geberlaune und trotz unseres Protestes dürfen wir nichts beisteuern. Natürlich folgt unsere Gegeneinladung ins Arktika, wo wir uns später revanchieren wollen. Später kommen noch zwei weitere Freunde von unseren Gastgebern und ein paar interessante Stunden mit vielen Gesprächen liegen vor uns. Irgendwann  brechen wir Richtung Hotel auf und Shenja und Masha begleiten uns bis dorthin, gehen dann aber weiter zu Shenja. Tobi und ich können´s nicht lassen und machen noch mal einen Abstecher in die Nachtbar. Dort sitzt Matthias auf verlorenem Posten und freut sich, noch mal kurz Gesellschaft zu kriegen. Zum Abschluss ein Wodka: Na sdarowje! Wenig später fallen wir krachend in unsere Betten.  

 

Dritter Tag

Der erste Termin des nächsten Tages, die Eröffnung der Fotoausstellung, ist mit 11.45 Uhr relativ spät angesetzt. Einige von uns nutzen die Gunst der Stunde, lassen das Frühstück ausfallen und schlafen lieber aus. Eine gewagte Entscheidung, denn Mittagessen ist laut Plan erst um 16.00 Uhr und ein Imbiss zwischendurch wird schwierig zu organisieren sein. Aber egal. Pünktlich sind wir im „Kirow“-Palast und erleben ein Kinder-Ensemble, das einen hübschen musikalischen Einstand in die gut besuchte Eröffnung gibt. Anschließend richten Prof. Strauß und der Leiter des Volksfotostudios „Murmansk“ Begrüßungsworte an das Auditorium, bevor die fleißig beklatschte Auszeichnung der ausstellenden Fotografen erfolgt. Plötzlich drängt sich eine alte Frau an das Mikrofon und übt so vernichtende Kritik, erst ganz allgemein und dann speziell an die deutschen Aussteller gerichtet, dass Natascha errötend die Übersetzung verweigert. Nachdem die alte, verbitterte Frau gehörig Dampf abgelassen hat, verschwindet sie so schnell wie sie gekommen ist. Später, während der Begehung haben wir dann genügend Gelegenheit, unsere Neugier zu stillen und erfahren die Gründe ihrer Schimpfkanonade: Schon im Vorfeld war sie empört über etliche Fotos, die in ihren Augen das Schöne vermissen lassen, es störe sie da und dort die Art der Präsentation und Aufhängung, ohne Passepartout und Rahmen, lediglich mit Klebepads, und überhaupt entbehre die ganze Veranstaltung einer gewissen Feierlichkeit, die Leute seien viel zu leger gekleidet. Zu ihrer Zeit hätte es das nicht gegeben usw. usf. Dazu kann ich nur sagen: Zumindest was ihre eigene Garderobe anbelangt, steht sie nicht als Vorbild da, so schlicht und einfach, wie sie gekleidet ist, und dass Kunst nicht immer schön ist, hat sich sicherlich schon herumgesprochen. Da muss ich die Fotografen in Schutz nehmen.

Wir gehen langsam hoch, denn im großen Saal in der ersten Etage beginnt gleich die eigentliche Eröffnungsveranstaltung des Festivals. Auch hier ein kultureller Auftakt – Studenten zeigen eine Rotkäppchen-Parodie zu Klängen von Edvard Griegs „Peer Gynt“. Anna und ein Kollege führen durch das Programm und die Begrüßungsworte werden diesmal vom Vertreter des russischen Jugendverbandes und Werner Linke von der Rosa-Luxemburg-Stiftung gesprochen. Dann ist es soweit und der erste Teil des Filmfestivals nimmt seinen Lauf. Es werden eine Stunde lang deutsche und russische Kurzfilme gezeigt, die danach vom Publikum bewertet werden. Jeder kann für einen Film votieren und wirft seinen Zettel in eine Box. Dabei kann es natürlich passieren, dass man die Qual der Wahl hat, und es wird auch angeregt diskutiert. Mir gefallen zwei Filme besonders gut: „Der Jäger“ von Tobias Supper und „Ufo-Alarm auf Terra 1“ von Ingo Schiller. Der Ufo-Alarm ist in der Art eines Stummfilms treffend gedreht, und dieser reizvolle Gegensatz, das Sujet des Ufos, dem ein Außerirdischer entsteigt, in die Zeit der Zwanziger Jahre zu verlegen, ist schon mal einen Lacher wert. Auch die Umsetzung beweist viel Humor, und Ingo Schiller – im Film zu sehen in der Gestalt des „Bärtigen Blitzes“ – des Retters in der Not, erhält von mir volle Punktzahl.

Nach dem verspäteten Mittagessen starten wir in Runde zwei, und auch hier habe ich mehrere Favoriten: Stefan Otts „Tricky“ ist herrlich abgefahren und könnte ruhig länger dauern. Auch „Vati, ich will spazieren“ von Sergej Strelkow gefällt mir außerordentlich gut. Ebenfalls nett: „Kapitän Russland“ von „OAO“. Wenn man den Bärtigen Blitz und Kapitän Russland an seiner Seite weiß, kann einem eigentlich nichts mehr zustoßen. Manch einer hat jetzt schon genug und bekennt sich als nicht mehr so aufnahmefähig. Für meine Begriffe ist es zwar normal, auf einem Filmfestival mehrere Stunden lang Filme zu sehen und zu bewerten, doch hätte eine Verteilung auf mehrere Tage vielleicht auch ihre Reize gehabt. Aber vermutlich war es so die beste Lösung. 

Teil drei hat für mich einen klaren Gewinner: Stephan Müller, der leider nicht am Festival teilnehmen konnte. Sein Film „Fliegenpflicht für Quadratköpfe“ ist vielleicht der beste des Festivals überhaupt. Ein rasanter Bild- und Szenenwechsel, der vor Ideenreichtum nur so sprüht, das Publikum in Atem hält und mehr als einmal spontanen Beifall auslöst. Ähnlich wie Tricky ist der Plot schnell, witzig und provokant. Dieser Mann geht wirklich mit offenen Augen durch´s Leben. Alles in allem ein furioses Feuerwerk von Kurzfilmen, das die Jünger Sergej Eisensteins hier abgezündet haben. Die deutschen Teilnehmer, immerhin die Creme de la Creme der Jungfilmer Mitteldeutschlands, haben sich wacker geschlagen und auch die russischen Filmer haben gezeigt, dass sie eine Menge drauf haben. Sie alle verstehen ihr Handwerk, sind sie doch oft Drehbuchautor, Regisseur, Schauspieler und Cutter in einem.  

Nach dem Abendbrot gehe ich ins Hotel. Ich habe beschlossen, den Tag in Ruhe ausklingen zu lassen, und haue mich auf die Matratze. Diese habe ich vorsorglich auf den Boden gelegt, da das Bett etwas kurz ist. Hier kann ich mich richtig lang machen und ein Dankeschön für den heißen Tipp geht an Markus Uhr, der noch einige Zentimeter größer als ich ist und mit denselben Problemen zu kämpfen hat. Gott sei Dank habe ich ein, zwei Bücher mit, außerdem läuft nebenbei der Fernseher. „Wer wird Millionär“ gibt es auch in Russland und Louis de Funes ist auf russisch kein bisschen weniger hektisch als auf deutsch. Zwischendurch immer mal wieder Werbung, ist auch ganz interessant. Auf dem russischen MTV läuft der neueste Videoclip von Rammstein, die hier sehr angesagt sind, und, ich glaub´s kaum, Schnappi, das kleine Krokodil. Dann schlaf´ ich einfach ein.

 

Vierter Tag

Den Tag beginne ich mit einem herzhaften Frühstück. An der Theke ist für jeden etwas zu finden, das Angebot ist durchaus akzeptabel. Da habe ich schon ganz andere Sachen erlebt, aber wie gesagt, wir sind hier auch in keiner billigen Jugendherberge. Unsere Filmemacher mussten schon etwas früher raus. Sie sollen mit den russischen Kollegen Gruppen bilden und jeweils einen Kurzfilm drehen, der am Ende des Festivals gezeigt wird. Eine Stunde später ist im Kirow-Palast eine Führung durch die Fotoausstellung angesetzt. Dort werden Schüler erwartet, die Deutsch lernen, und unsere Fotografen erklären ihre Werke, bemüht, dabei langsam und deutlich zu sprechen.

Bis zum Mittagessen ist dann noch etwas Zeit und mancher nutzt die Gelegenheit für ein paar Besorgungen. Unsere Filmleute tun mir ein wenig leid. Sie werden in den nächsten Tagen viel zu tun haben und Freizeit bleibt dabei relativ auf der Strecke.

Nach dem Mittagessen werden Exkursionen unternommen. Die Filmleute besuchen den Murmansker Fernsehsender und das Jugendfernsehstudio 36,6 (siehe an dieser Stelle wieder meinen Bericht vom letzten Jahr), und die Fotografen fahren zur Kinderkunstschule Nr. 3.

Diese ist die jüngste von insgesamt drei Kinderkunstschulen, wurde „erst“ 1958 gegründet und ist seit 1994 in einem neuen Gebäude untergebracht. An ihr werden die vier Richtungen Musik, Chor, Kunst und Tanz unterrichtet, desweiteren gibt es noch spezielle Fächer wie in der Musikausbildung z.B. für Geige, Akkordeon, Balalaika und Domra, ein dreisaitiges, für folkloristische Orchester unerlässliches Instrument. Außer den drei Kunstschulen gibt es in Murmansk noch vier „reine“ Musikschulen, und allein daran kann man sehen, welch hohen Stellenwert hier die Förderung der Kinder im Gegensatz zu Deutschland genießt! Nach der Begrüßung durch den Schuldirektor werden wir in den großen Kultursaal der Schule geführt, wo uns ein Dreikäsehoch mit seiner Klavierlehrerin am Konzertflügel eine kurze Kostprobe seines Könnens bietet. Stolz werden wir informiert, dass jedes Jahr etwa 30 Absolventen dieser Schule an einer Hochschule oder Universität immatrikuliert werden. Ein großer Bühnenvorhang im Hintergrund zieht die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich, und wir erfahren, dass dieses gewaltige, von einer Murmansker Malerin wie ein Gobelin gefertigte Prachtstück aus Sisal hergestellt ist. Schon geht es weiter. Wir schauen kurz in eine Musikstunde, betrachten in den Fluren nebenbei die absolut gekonnte Malerei 13-jähriger Zeichenschüler und betreten schließlich den verspiegelten Ballettsaal, in dem im Wechsel 41 Tanzeleven 8 Stunden pro Woche ihrem Training nachgehen. Als letztes besuchen wir noch den Zeichensaal, in dem die Wände voller kleiner Kunstwerke vieler kleiner „Künstler“ hängen. An zwei Reihen aufgestellter Staffeleien wandeln die jungen Schüler eifrig auf Repins Spuren und von der Ernsthaftigkeit und Konzentration der vielleicht nur acht- bis neunjährigen Mädchen (Jungen fallen mir spontan nicht auf) bin ich sehr beeindruckt, und ich schieße wie überall in der Schule viele Fotos. Vormittags ist in dieser Schule ganz normaler Schulunterricht, nachmittags dann Förderung der Talente. Eltern zahlen im Monat 300 Rubel (8,50 Euro), das können sich wahrscheinlich nur Gutverdiener leisten, aber auch die Stadt gibt etwas dazu. Eine segensreiche Einrichtung, wie ich finde. Nicht umsonst wird in Deutschland über Ganztagsschulen nach dem finnischen Modell nachgedacht.

Damit ist unsere Hospitation beendet und es geht nun ins Humanitäre Institut, in dem Prof. Strauß eine Vorlesung zum Thema „Kunst, Leben und Foto“ halten wird. Der Seminarraum ist schon gut gefüllt, aber wir finden alle Platz. In seiner Vorlesung projiziert Prof. Strauß per Beamer Fotos seiner Studenten, die vereinzelt schon in der Ausstellung zu sehen waren, an die Wand und interpretiert diese. Vielleicht wäre es jedoch sinnvoller gewesen, das den Studenten und Meisterschülern selbst zu überlassen. Ein paar Beispiele runden ja jede Vorlesung ab, aber wäre ein Vortrag über Fotografie im Allgemeinen und speziell in Deutschland nicht interessanter gewesen? Immerhin kann man in Deutschland, also auch in Leipzig, wo Fotografie einer von vier Diplomstudiengängen ist, fünf Jahre Fotografie studieren und ist danach bei Eignung und Interesse noch zwei Jahre Meisterschüler. Dies entspricht der Dauer eines Medizinstudiums! Mich beschlich das Gefühl, dass die russischen Studenten etwas anderes erwartet hatten.

Im „Kirow“ sehen sich alle wieder. Die Tische sind wie immer schon eingedeckt, und unsere Tafel schon fast komplett. Wir machen uns sofort über´s Essen her, doch irgendwas stimmt hier nicht. Das Gericht schmeckt viehisch nach Chemie (war da noch etwas Spüli mit im Topf?). Die, die schon fertig sind, mustern die anderen und schließen anscheinend insgeheim Wetten ab, was stärker ist – der Hunger oder die Abneigung. Es geht aber allen so, und keiner isst seine Portion richtig auf. Am nächsten Tag werde ich aufgeklärt: Es handelte sich um Buchweizengrütze und der bemängelte Geschmack ist typisch. Heilige Einfalt! Hätte ich das gewusst, ich wäre sehr viel aufgeschlossener gewesen. Wenn man eine Sache kennt bzw. weiß, was es ist, probiert man eine regionale Speise oder ein Nationalgericht sicher mit viel mehr neugierigem Interesse.

Zurück im Hotel warten wir auf Masha und Shenja. Matthias, Tobias, Katja und ich sind mit ihnen verabredet. Sie lassen nicht lange auf sich warten. Mit dabei haben sie Krimsekt und 3 Trockenfische. Trockenfisch isst man hier und in Norwegen gern nebenbei zum Bier, wie wir erfahren. Aber auch wir sind gut bevorratet: etwa anderthalb Dutzend verschiedene Biere auf unsere Degustierung. Unsere Fotografen sind für heute zu einer Privatparty eingeladen, der Rest will zur Disko ins Ledokol. Wir haben es nicht eilig, aber schließlich ruft Shenja ein Taxi und die letzten unserer Zimmerparty kommen nach. Ich war mittlerweile CDs einkaufen und Masha empfiehlt mir zwei CDs für den DJ. Dieser lässt sich jedoch nicht erweichen und so warten wir auf die seltenen Gelegenheiten, nach halbwegs annehmbarer Mucke abzuhotten. Der Abend zieht sich in die Länge und nachdem die meisten gegangen sind, siedeln Masha, Shenja und unser Kleeblatt noch in die Ledokol-Nachtbar über. Nach zwei Absackern geht´s per Taxi (gut, dass Shenja den Preis aushandelt) wieder heim. Dobroi notsch!

 

Fünfter Tag

Der fünfte Tag lässt viel Freiraum. Der geplante Besuch eines Eisbrechers ist zu unserer allergrößten Enttäuschung nicht möglich und so gehen einige zum Shoppen in die Stadt. Freunde haben etliche Bestellungen aufgegeben und so lenke ich meine Schritte zuerst ins Uniwermag (Kaufhaus). Ein Kumpel hat eine Matroschka geordert. Er soll sie haben, obwohl mir schwant, dass die achtteilige Souvenirpuppe für den Preis von umgerechnet 18,- Euro in Deutschland sicherlich günstiger zu bekommen wäre. Als Masha und Shenja das Teil am letzten Abend sehen, müssen sie lachen.  Wahrscheinlich käme kein Russe auf die Idee, seine Schrankwand mit Matroschka-Puppen zu verschönern. Aber wer will, kann auch wahre Schnäppchen machen: Im Bahnhof gibt´s täuschend ähnliche Zippo-Imitate und –etuis für den diesmal kleinen Preis von knapp drei Euro. Nicht viel teurer sind Matrosen-Shirts im Military-Shop auf dem Bahnhofsvorplatz. Matrosen-Shirts sind langärmlig, kragenlos und quergestreift, wobei die Farben für unterschiedliche Waffengattungen stehen: blau = Marine, schwarz = U-Bootflotte und grün = Fallschirmjäger. Matroschkas kriegt man auch in Deutschland, aber diese ausgefallenen Shirts definitiv nicht! CDs sind in Russland ebenfalls günstig.  Die Silberlinge russischer Bands sind für etwa 5 Euro zu haben, CDs internationaler Bands schlagen etwas teurer zu Buche. Eindeutig lohnenswert sind aber Zigaretten. Die Stange (nicht die Schachtel!) guter russischer Filterzigaretten (Tipp: Sojus-Apollon) ist für unglaubliche 2,22 Euro zu haben. Ein wahres Raucher-Schlaraffenland. Kultstatus in Deutschland haben mitunter Belomorskje-Papirossi. Das sind dicke Zigaretten, die statt eines Filters eine Papphülse haben, die über Kreuz geknifft wird. Papirossi sind gestopft mit Machorka, einer tabakähnlichen Pflanze. Diese Stumpen schmecken zwar wie alter Strumpf und werden eigentlich nur noch von alten Männern geraucht, die Jugend nimmt sie aber auch mal ganz gern zum Kiffen. Das Lebensmittelangebot in einer Kaufhalle hinterlässt gleichfalls einen positiven Eindruck: volle Regale und Kühltruhen mit internationalen Artikeln und natürlich landeseigenen. Mehrere Sorten Milch, großes Angebot an Wurst und Käse, in Auswahl und Qualität kein bisschen anders als bei uns. Inwieweit sich das alles ein normal verdienender oder arbeitsloser Russe leisten kann, sei dahingestellt, die Kaufhalle jedenfalls ist gut besucht. Gern würde ich mal die verschiedenen Sorten Fisch probieren, die auf Styroportellern abgepackt sind, und mich an leckeres Sushi erinnern. Ein Blick in die Getränkeabteilung verrät: auch hier russische und internationale Sorten in Hülle und Fülle, an die fünfzig, schätzungsweise. Damit können in Deutschland allenfalls bestsortierte Getränkehandel mithalten. Mein Herz beschleunigt die Frequenz angesichts dieser Bieroase und ich lade zwanzig Proben in mein Wägelchen. Schön auch, dass ich damit keine Aufmerksamkeit errege. Mit stoischer Gelassenheit zieht die Kassiererin die verschiedenen Sorten über den Scanner.

Nach dem Mittagessen mache ich mich noch einmal auf den Weg in die Stadt. Masha und ich sind verabredet, denn ein Freund von Shenja arbeitet in einem guten CD-Shop in der Leninallee. Auf dem Weg dorthin kommen wir am obligatorischen Lenin-Denkmal vorbei, auf dessen Sockel letztes Jahr noch ein Hakenkreuz prangte. Dieses wurde ebenso entfernt wie gleich ein ganzer Kiosk der in der Nähe des „Kirow“ stand und den eine Hand mit einer „88“ – dem Kürzel für „Heil Hitler“ – zierte. Idioten gibt es eben überall. Überhaupt achtet man sehr auf Sauberkeit, ständig wird in Geschäften und Institutionen gewischt, und zumindest im Zentrum ist man dauernd am Schneeräumen.

Unsere Film- und Fotoleute schneiden derweil an ihren Filmen bzw. arbeiten in einem Workshop mit russischen Kollegen zusammen. Ich gehe ins Hotel zurück, schreibe und lese etwas und warte auf das  Abendbrot. Danach geht´s mal wieder in den 16. Stock. Die üblichen Verdächtigen, d.h. unser Kleeblatt und diesmal auch Siegmar treffen sich in gemütlicher Runde, und die Nachtbar mit ihrem gedimmten Licht und dem imposanten Ausblick lässt eine entspannte Stimmung entstehen. Wir küren „Russki Standard“ zu unserem Lieblingswodka, halten aber auch dem Bier die Treue. Eto eschoras, poschaluista!

 

Sechster Tag

Heute ist bereits Mittwoch, und für die Fotografen ist ein Ausflug auf die andere Seite der Kolabucht geplant, während die Filmleute weiterhin an ihren Short-Movies tüfteln. Das Ziel des Ausflugs ist die Siedlung Abrammys, die mit der Fähre von der Murmansker Seite aus schnell zu erreichen ist. Auf der Fähre werde ich von einem Schiffbauingenieur, der in Abrammys wohnt, zu einem Wodka eingeladen. Er gönnt sich ab und zu einen kräftigen Schluck aus der Pulle und hält mir vorher die Flasche rüber. Morgens mag ich keinen Alkohol, schon gar keinen Wodka, aber ich will nicht zimperlich sein, setze mich schließlich ihm gegenüber und probiere mal vom „Wässerchen“. In Abrammys angekommen, laufen wir Richtung Heldenhügel – eine Anhöhe mit allerlei militärischem Gerät und Gedenktafeln. Auf dem Weg dorthin überholen wir einen Betrunkenen, der schon am Vormittag dermaßen abgefüllt ist, dass er nur noch torkelnd und mit Schwierigkeiten vorwärts kommt. Aber er wird der einzige Betrunkene bleiben, den zumindest ich in Murmansk erlebt habe. Auf dem Hügel betrachten wir ein Jagdflugzeug, das auf einem Gestell Richtung Himmel ragt, ein Flakgeschütz auf fahrbarer Lafette, ein weiteres Militärflugzeug und zwei Raketen. Einige Gedenktafeln weisen auf die Gefallenen des Großen Vaterländischen Krieges hin, wie in Russland der 2. Weltkrieg auch genannt wird. Nachdem unsere Fotografen ihre Löcher in die Landschaft geschossen haben, setzten wir uns grüppchenweise in Bewegung, um das andere, schönere Ende von Abrammys zu erkunden. Dieser Teil ist etwas trostlos. Fünfgeschosser, die auch schon mal bessere Zeiten erlebt haben, kaum Menschen auf der Straße und am Straßenrand eine Autoleiche, Marke Saporoshez. Nur aus einem Kindergarten dringt ausgelassenes Lachen von den Kleinen, die dort im Schnee spielen, und ich muss kurz an zu Hause denken. Wieder an der Fähre vorbei, führt die Dorfstraße nun an schmucken, farbenfrohen Holzhäusern entlang und dieser Ortsteil hat durchaus etwas Idyllisches an sich. Nachdem wir den Ort abgelaufen haben, gehen Marian Ehret, der als einziger Filmer mitgekommen ist, und ich zur Fähre zurück. Wir haben Glück, denn sie legt gerade an, und so geht es für uns schon etwas früher retour. Interessanterweise werden wir erst auf Murmansker Seite beim Verlassen des Fährgebäudes kontrolliert und sind froh, dass wir unsere Fahrscheine nicht schon vorher weggeworfen haben.

Am Nachmittag hält Matthias Schmidt an der Pädagogischen Universität eine Vorlesung zum Themenkreis Medienanstalten, Offene Kanäle, Medienmobil, Überwachung (z.B. werden momentan verstärkt Klingeltonanbieter kritisch unter die Lupe genommen) und medienpädagogische Arbeit.  Resonanz und Interesse der Studenten sind groß, der Vortrag souverän und zum Schluss werden viele Fragen gestellt – eine gelungene Veranstaltung.

Währenddessen treffen sich unsere Fotografen mit dem Leiter des Volksfotostudios von Murmansk. Er hat eine große Palette seines langjährigen Schaffens mitgebracht und damit etliche Auszeichnungen gewonnen. Ihm zur Seite steht Frau Michailowa, die seine Ausführungen übersetzt. Die russischen Fotografen würden ihm zufolge auch gern in Deutschland ausstellen, doch bei ihren finanziellen Möglichkeiten wird es wohl bei dem Wunsch bleiben. Außerdem wäre, international gesehen, die Zahl von Fotoausstellungen stark zurückgegangen (was jedoch nicht nur ich bezweifle), und auch seine letzten Erfolge liegen lange Jahre zurück. Unter anderem wurde von seinen Aufnahmen scheinbar der einzige Ansichtskartenblock von Murmansk hergestellt, jedenfalls gibt es derzeit keinen weiteren zu kaufen. Unsere Fotoleute sitzen etwas distanziert da und stellen kaum Fragen. Leider sind keine weiteren Fotografen von russischer Seite anwesend sind, so klingt das Ganze streckenweise ein wenig nach Selbstbeweihräucherung. Da unsere Leute mit den neuesten Techniken vertraut sind und Fotografie sogar studieren, sind sie schwer aus der Reserve zu locken. Schade.

Ich beschließe, den Tag ruhig ausklingen zu lassen und verkrümle mich nach dem Abendessen auf´s Zimmer. Immerhin kommt mich Matthias besuchen und leistet mir Gesellschaft. So werden es am Ende doch zwei Bier für jeden.

 

Siebter Tag

Den letzten Tag in Murmansk gehe ich wieder ganz entspannt an: Frühstück, Stadtbummel, Dusche, Mittagessen. Nach dem Essen ist noch reichlich Zeit bis zur Abschlussveranstaltung, doch dann ist es soweit und sämtliche Teilnehmer und viele Zuschauer finden sich im Kirow-Palast ein. Nach einer kurzen Begrüßungsansprache werden als erstes in einer Diashow die besten Fotografien aus dem Fotowettbewerb „Berührungspunkte“ gezeigt. Dieser Wettbewerb lief während des Festivals, allerdings ohne deutsche Beteiligung. Unsere Fotokünstler waren der Meinung, die Technik vor Ort erlaube keine angemessene Entwicklung ihrer andersformatigen Filme. Das bekam ich jedenfalls zur Antwort, als ich einen von ihnen nach dem Grund ihrer Zurückhaltung fragte. Nicht einer der Fotografen, die meist mit zwei, manchmal sogar drei Apparaten angereist waren, nahm die künstlerische Herausforderung an. Das ging mir etwas über den Verstand und das Argument der nicht gegebenen Kompatibilität ist für mich nicht wirklich akzeptabel. Ich kann nur hoffen, dass diese schwache Kür von unseren russischen Gastgebern nicht als Arroganz ausgelegt wurde. So werden dann auch nur neben einigen russischen Fotografen der Leiter des Volkskunststudios und Prof. Strauß, der sich als einziger von deutscher Seite beteiligte, ausgezeichnet.

Gut, dass noch die Filme gezeigt werden, denke ich mir, die von vornherein als deutsch-russische Koproduktion geplant waren. Der erste Streifen schildert das Kennenlernen eines deutschen und eines russischen Filmemachers. Zumindest bei diesem Film weiß ich, welch immense Arbeit in ihm steckt. Die Macher hatten oft unterschiedliche künstlerische Ansichten und schwer mit dem Ergebnis gerungen. Das hatte zur Folge, dass dieses Team leider wenig Freizeit hatte und ein nicht unbeträchtlicher Teil des Festivals für sie in Arbeit versank. Schön, dass sie einen Kompromiss erzielten und doch noch einen sehenswerten Beitrag einbrachten. Aber wie schon Karl Valentin bemerkte „Kunst ist schön – macht aber auch viel Arbeit!“. Der zweite Film verrät in meinen Augen etwas die Handschrift von Stephan Ott: eine rasche Szenenabfolge, in der alle ihre lustigen Ideen beisteuerten für eine Hommage an die Stadt und die deutsch-russische Freundschaft. Sämtliche Filmer werden nach vorn gebeten und prämiert, danach folgt die Bekanntgabe der Gewinner der drei Runden des Filmfestivals. Es sind, wie sicher für viele nicht überraschend, Tobias Supper mit „Der Jäger“, Stephan Ott mit „Tricky“ und Stephan Müllers „Fliegenpflicht für Quadratköpfe“. Einen Sonderpreis bekommt Ingo Schiller für seinen „UFO-Alarm auf Terra 1“, überreicht von Juri Jerofejew, dem Leiter des Fernsehkanals 36,6. Alle preisgekrönten Filme werden noch mal gezeigt und die Macher ernten bei der Auszeichnung viel Applaus.

Nach dem Abendbrot treffen sich die Filmleute - die Fotografen machen wieder ihr eigenes Ding - ein letztes Mal in der Nachtbar. Auch einige unserer Dolmetscherinnen sowie Masha und Shenja sind mit dabei. Siegmar erzählt ein paar Anekdoten und später am Abend gibt es ein großes Oho als der Festival-Film von Stephan Ott & Co im Fernseher der Nachtbar auf 36,6 läuft. Es wird noch mal eine lustige Runde, aber es gibt auch Wermutstropfen, denn wir müssen leider voneinander Abschied  nehmen. Prost und Na Sdarowje!

 

Achter Tag

Das Erwachen ist natürlich bitter. Bei der Abfahrt des Busses um 5.45 Uhr hat keiner ausreichend geschlafen, trotzdem sind alle pünktlich. Das erste Frühstück wird dann im Flieger eingenommen, im Hotel war sicher noch keinem danach zumute, obwohl das Restaurant schon geöffnet hatte. In Moskau angekommen haben wir soviel Zeit, dass sich die Hälfte unserer Mannschaft unter ortskundiger Führung von Prof. Strauß auf den Weg in die City macht. Das bedeutet eine halbe Stunde Fahrt mit dem Sammeltaxi und anschließend etwa genauso lang mit der Metro. Schließlich stehen wir nach einem kurzen Spaziergang auf dem Roten Platz und bestaunen Kreml, Lenin-Mausoleum und das legendäre Kaufhaus GUM. Viel Zeit bleibt nicht und wir kaufen noch schnell bei den zahlreichen Souvenirhändlern ein paar letzte Geschenke ein. Bei mir sind das eine russische Fahne, eine Budjonny-Mütze (was will ich bloß damit?), aber auch eine Tschapka der Roten Armee, die mir sicher noch mal gute Dienste leisten wird. Dann müssen wir auch schon zurück. Nach kurzer Verspätung geht der Flieger nach Berlin, und in Schönefeld angekommen, sammle ich die auf einige freundliche Nichtraucher verteilten Zigarettenstangen wieder ein. Dem Zoll habe ich damit wieder eine lange Nase gedreht. Nochmals vielen Dank!! Im Zug reisen die meisten noch gemeinsam ihrem Zielort entgegen, dann heißt es auch hier Abschied nehmen und vielleicht auch „Auf Wiedersehen!“ Eine turbulente Woche mit vielen Eindrücken und neuen Freundschaften geht zu Ende und wer weiß, den einen oder anderen zieht es mit Sicherheit mal wieder nach Russland, um dieses schöne und interessante Riesenland privat zu besuchen.

 

 

 

Danksagung und Fazit

 

An dieser Stelle lässt sich in etwas abgeänderter Form das Resümee des vergangenen Jahres ziehen. Man möge mir dies verzeihen, aber ich muss das Fahrrad ja nicht noch mal neu erfinden.

Es ist mir ein Bedürfnis, und ich denke, dass ich hiermit im Namen von uns allen spreche, mich bei allen zu bedanken, die diesen "Dialog der Kulturen" finanziert und im Vorfeld organisiert haben. Hier ist in erster Linie, wie anfangs erwähnt, die Rosa Luxemburg-Stiftung zu nennen sowie die Robert Bosch-Stiftung und als Bindeglied zwischen ihr und den russischen Organisationen und Kultureinrichtungen der Humanistische Regionalverband Halle-Saalkreis. Aber auch von russischer Seite aus flossen Gelder durch den russischen Jugendverband, und es wurde jede Menge gemeinnütziger Arbeit geleistet. Dafür DANKE!!

Vielen Dank auch an unsere netten Dolmetscherinnen, allen voran Natascha Stepakova und ihre Schwester, aber auch Frau Michailowa, Tatiana Nepomilujewa, Anna Gubarenko und einige andere.

Kritisch möchte ich anmerken, dass die Harmonie zwischen den deutschen und russischen Organisatoren nicht immer gegeben war. Mit Verwunderung registrierte ich die Nicht-Erwähnung des Humanistischen Regionalverbandes auf den Festivalplakaten. Dank des unermüdlichen Engagements Siegmar Buchwalds wurde dieses Festival erst möglich. Das ist keine leere Worthülse, denn mir sind die vielfältigen Vorbereitungen, die zum Gelingen einer solchen Veranstaltung notwendig sind, mittlerweile bekannt. Außerdem ist ein gewisses Know How nicht zu unterschätzen und beides, viel Arbeit gepaart mit organisatorischem Geschick, hat Siegmar Buchwald in hohem Maße eingebracht. Das hätte von russischer Seite aus ruhig mehr gewürdigt werden können. Auch die Möglichkeit, gemeinsam den Ablauf des Festivals zu planen, war leider kaum gegeben und blieb größtenteils der russischen Seite vorbehalten. Es bleibt zu hoffen, dass für die Zukunft Wege gefunden werden, die Zusammenarbeit zu intensivieren.      

 

Was hat uns/mir das Festival gebracht?

Für die meisten von uns war es der erste Aufenthalt in diesem großen Land. Dadurch sind die Eindrücke sicherlich besonders stark. Man hat sich vorher ein Bild gemacht über dieses Land, mit dem man früher durch Schule und Ideologie so eng verbunden war, das aber dennoch so weit weg und geheimnisvoll schien. Nun, manches hat sich bestätigt, vieles war aber auch ganz anders als erwartet.

Wir haben in diesen acht Tagen viele Menschen kennen gelernt, freundlich und interessiert, herzliche Gastfreundschaft erlebt und manche Freundschaft geschlossen. Wir waren gefesselt vom Enthusiasmus der Menschen, sei es von der Hingabe junger und jüngster Musikschüler oder der Professionalität der Medienfachleute. Wir spürten oft den Stolz der Menschen, den Stolz auf ihr großes und mächtiges Land und die Liebe zu ihrer Heimat. Wir erlebten andererseits auch viel Gegensätzliches, Wohlstand und Armut, neueste Hightech und überalterte Ausstattung, westliches Denken und russische Tradition, Regale voller Luxusgüter und den Bettler auf der Straße. Aber Gegensätze gibt es auch bei uns, nur dass sie nicht ganz so krass zu Tage treten. Man muss sich schon einlassen auf dieses Abenteuer Russland, dann spürt man irgendwann das Feeling, und man merkt, es lässt sich leben hier. Vielleicht nicht ganz so einfach, aber es geht. Die Murmansker lieben ihre Stadt, das bleibt einem nicht verborgen. Es waren unvergessliche Tage und wir werden gern darüber erzählen und ins Schwärmen geraten.

 

Was hat unseren Gastgebern das Festival gebracht?

Ich hoffe, auch sie haben neue und hoffentlich positive Eindrücke durch die Begegnungen mit uns gewonnen. Man kann jedoch auf alle Fälle sagen, dass die Film- und Fotobeiträge ankamen und Zeitungen, Radio und Fernsehen über das Festival berichteten. Ein reger Briefverkehr, ob elektronisch oder herkömmlich wird seinen Lauf nehmen. Es wurden viele Adressen getauscht und einige von uns möchten Murmansk auch im Sommer kennen lernen. Wir freuen uns schon sehr auf Gegenbesuch, der uns hoffentlich Gelegenheit gibt, die Gastfreundschaft zu erwidern. Viele unserer Dolmetscherinnen und andere Studenten waren ja schon in Sachsen-Anhalt, und sie und andere sind herzlich eingeladen.

Man kann der Rosa-Luxemburg-Stiftung zu dieser Tradition des Jugendaustausches bloß gratulieren. Dieser Dialog darf nicht abreißen, denn wie viel Geld wird anderswo für sinnlose Projekte verschwendet! Der Nutzen eines Kulturaustausches mag zwar nicht immer sofort greifbar sein, aber das völkerverbindende Kennenlernen zahlt sich an anderer Stelle hundertfach aus. Filmkunst und Fotografie wirken international und wenn man auf diese Weise Neugier und Interesse für einander weckt, wird unsere oft so kalte Welt gleich ein bisschen wärmer.

Und das hätte auch Rosa Luxemburg ganz sicher gut gefallen!

 

Halle/Saale, April 2005                                                                Dirk "Stolle" Stolzenhain

 
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